Oct 28, 2022
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Konjunktur: „Ruhe vor dem Sturm“: Deutsche Wirtschaft wächst überraschend

Written by Julian Olk


Berlin Die deutsche Wirtschaft wächst noch. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist im Zeitraum von Juli bis September um 0,3 Prozent im Vergleich zum Vorquartal gestiegen. Das hat das Statistische Bundesamt am Freitag in einer ersten Schätzung bekanntgegeben.

Damit befindet sich Deutschland wider Erwarten noch nicht auf dem Weg in eine Rezession. Von einer technischen Rezession wird gesprochen, wenn das BIP mindestens zwei Quartale in Folge zurückgeht. Für das laufende Quartal gehen aber nahezu alle Expertinnen und Experten fest von einem Rückgang aus.

Im dritten Quartal lagen die Ökonominnen und Ökonomen aber recht deutlich daneben. Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute prognostizierten einen Rückgang um 0,2 Prozent. Das Statistische Bundesamt verweist vor allem auf den privaten Konsum, der die Wirtschaftsleitung gestützt habe.

Die Prognostiker hatten mit einem deutlich stärkeren Einbruch der Haushaltsausgaben schon im dritten Quartal gerechnet. Die Verbraucherinnen und Verbraucher fahren infolge der stark gestiegenen Preise für Gas, Öl und Strom ihren Konsum zurück, weil sie mehr Geld für ihre Energierechnungen aufbringen müssen.

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Das haben sie bislang aber offensichtlich nicht so stark getan, wie erwartet wurde. Die getrübte Konsumlaune in Deutschland hat sich zuletzt etwas stabilisiert. Die Marktforscher der Gesellschaft der Konsumforschung (GfK) sagen für den Oktober einen leichten Anstieg des Konsumklimas voraus.

Vorkrisenniveau übertroffen

Ein Grund für die Erholung dürfte auch sein, dass die Gaspreise sich zuletzt wieder etwas normalisiert haben. Dank des überraschenden Wachstums hat Deutschland im dritten Quartal erstmals wieder das konjunkturelle Niveau von vor der Coronakrise übertroffen. Im Vergleich zum vierten Quartal 2019 lag das BIP nun 0,2 Prozent höher.

Schon im Frühjahr war die deutsche Wirtschaft trotz der Auswirkungen des Ukrainekriegs noch leicht gewachsen, um 0,1 Prozent. Am Jahresanfang stand aufgrund von Aufholeffekten nach der Coronakrise ein Plus von 0,8 Prozent.

„Damit hatten wir nun wirklich nicht gerechnet“, kommentierte Torsten Schmidt, Konjunkturchef am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) Essen, das überraschende Wachstum.

Die starke Abweichung von den Prognosen seiner Zunft begründet er damit, dass noch überraschend viel Konsum aus der Coronazeit nachgeholt werde, etwa in Form von Reisen oder Dienstleistungen wie Friseur oder Kosmetik. „Wir hatten vermutet, dass der Konsumrückgang durch die hohen Energiepreise schon überwiegt.“

Nils Janssen, Konjunkturleiter Deutschland beim Kiel Institut für Weltwirtschaft (IfW), erklärt: „Der private Konsum ist trotz der hohen Inflation im dritten Quartal sogar gestiegen.“

„Das dürfte nur die Ruhe vor dem Sturm sein“, kommentierte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer die Entwicklung in den Sommermonaten, in denen die Bundesregierung Entlastungspakete wie Tankrabatt und Neun-Euro-Ticket geschnürt hatte.

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Die Vorzeichen für die kommenden Monate sind weiterhin eher schlecht. Der private Konsum dürfte nachlassen, denn längst nicht alle Preissteigerungen für Gas, Öl und Strom sind schon bei den Verbrauchern angekommen.

Infolgedessen könnten die Unternehmen nicht nur mit Produktionseinschränkungen, sondern auch mit einem Nachfrageeinbruch in den nächsten Monaten konfrontiert werden. „Solange die Inflation hoch bleibt und Zweifel an einer uneingeschränkten Energieversorgung bestehen, wird sich das Konsumklima nicht spürbar und nachhaltig erholen können“, sagte GfK-Konsumexperte Rolf Bürkl.

Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute rechnen für das vierte Quartal mit einem Minus beim BIP von 0,6 Prozent. Im ersten Vierteljahr 2023 soll der Rückgang bei 0,4 Prozent liegen. „Dass dieser nicht noch kräftiger ausfällt, ist dem hohen Auftragspolster im verarbeitenden Gewerbe zu verdanken“, schreiben die Institute.

Erst im kommenden Frühjahr würde es wieder zu Wachstum kommen. Allerdings verweisen die Institute genauso wie das Statistische Bundesamt auf eine hohe Unsicherheit in allen Konjunkturzahlen aktuell.

Diverse Abwärtsrisiken

Auch die Bundesregierung hatte im dritten Quartal mit einem Rückgang der Wirtschaftsleistung gerechnet, wie Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) kürzlich bei der Vorstellung der Herbstprojektion erklärte.

Der bessere Verlauf könnte nun dafür sorgen, dass dieses und das nächste Jahr insgesamt doch noch etwas besser ausfallen als die Regierung bislang prognostiziert. In der Herbstprojektion hatten Habecks Beamte für 2022 beim BIP nur ein Plus von 1,4 Prozent erwartet. Nächstes Jahr rechnet Berlin mit einem Rückgang von 0,4 Prozent.

„Es kann gut sein, dass die Gaspreise weiter zurückgehen“, sagt RWI-Konjunkturchef Schmidt. Außerdem dürften die staatlichen Hilfen wie Gas- und Strompreisbremse den Schock etwas abfedern. „Eine Rezession wird wohl unvermeidlich sein. Aber sie könnte flacher ausfallen als bislang befürchtet“, so Schmidt.

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Allerdings gibt es auch diverse Abwärtsrisiken. Diese könnten dafür sorgen, dass die bevorstehende Rezession auch deutlicher als die 0,4 Prozent ausfällt. Trotz des anhaltenden Lieferstopps Russlands gehen die Konjunkturprognostiker davon aus, dass Deutschland im Winter nicht das Gas ausgeht – ausgeschlossen ist das aber nicht. „Ein Gasmangel würde die wirtschaftliche Aktivität wohl weitaus stärker belasten als eine etwas höhere Inflation“, sagt IfW-Ökonom Janssen.

Auch die Unsicherheit bei der Frage, wie stark der Konsum der Verbraucherinnen und Verbraucher zurückgeht, wird tendenziell noch steigen. Das hängt vor allem davon ab, wie sehr die Haushalte ihr Erspartes nutzen, um die hohen Energierechnungen zu bezahlen und weiter zu konsumieren.

In der Vergangenheit ist es in Krisenphasen durchaus vorgekommen, dass die Haushalte mehr gespart haben aus Angst vor noch schlechteren Zeiten. Entsprechend würde der Konsum noch stärker schrumpfen. Allerdings reduzierten die Haushalte im ersten Halbjahr 2022 bereits ihre Sparquote auf 11,1 Prozent – und damit in etwa auf das Vor-Corona-Niveau. Ob dieses Verhalten Ausdruck einer Normalisierung nach den hohen Corona-Ersparnissen oder nur Folge steigender Preise ist, bleibt abzuwarten.

Fritzi Köhler-Geib, Chefvolkswirtin der staatlichen KfW-Förderbank, fügt hinzu: „Allein durch die Energiekrise hat die deutsche Volkswirtschaft schon schwer zu schaffen, und zunehmend macht es sich auch konjunkturell bemerkbar, dass die Zentralbanken weltweit angesichts viel zu hoher Inflationsraten auf die Bremse treten.“

Hinzu kommt, dass im Gegensatz zum Konsumklima andere Frühindikatoren deutlich nach unten zeigen, vor allem bei den Unternehmen. Der wichtige Ifo-Geschäftsklimaindex ist im Oktober erneut gefallen, diesmal nur leicht um 0,1 Zähler auf 84,3 Punkte. Allerdings hatte die vorherige Umfrage unter 9000 Führungskräften in den deutschen Chefetagen schon einen deutlichen Rückgang ergeben.

Mehr: Vier Risiken, die aus einer leichten eine schwere Rezession machen könnten.



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