Berlin Deutschland hat im internationalen Wettbewerb um Toptalente für den Arbeitsmarkt an Attraktivität eingebüßt. Für Akademiker, Unternehmer und Gründer aus dem Ausland sind andere Länder deutlich interessanter. Das liegt vor allem an der schleppenden Digitalisierung hierzulande. Anders sieht es bei der Attraktivität für internationale Studierende aus. Hier belegt die Bundesrepublik hinter den USA den zweiten Platz.
Das sind die Kernergebnisse einer neuen internationalen Vergleichsstudie, die die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) gemeinsam mit der Bertelsmann-Stiftung für alle 38 Industrieländer erstellt hat. Als Kriterien für die Standortattraktivität wurden dabei neben Zuwanderungsbestimmungen auch Faktoren wie die beruflichen Chancen, Einkommen und Steuern oder die Perspektiven für Familienmitglieder der Migranten betrachtet.
Zwar steht Deutschland bei ausländischen Akademikern, die sich eine Auswanderung vorstellen können, hoch im Kurs. Nach einer Erhebung des Meinungsforschungsinstituts Gallup unter Hochschulabsolventen mit mindestens Master-Abschluss rangierte es 2021 hinter den USA und Kanada auf Rang drei. Hinzu kommt, dass die Bundesrepublik vergleichsweise liberale Einwanderungsregeln für Hochqualifizierte hat.
Akademiker: Erleichterte Einbürgerung könnte Deutschland im Standortranking nach vorn bringen
Doch im Standortranking für die akademischen Fachkräfte liegt Deutschland weit abgeschlagen auf Rang 15 hinter den Spitzenländern Neuseeland, Schweden, der Schweiz, Australien und Norwegen. Gegenüber der letzten Erhebung aus dem Jahr 2019 hat die Bundesrepublik noch einmal drei Plätze eingebüßt – vor allem weil sich Länder wie Luxemburg oder Großbritannien stark verbessert haben.
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Neben den Versäumnissen bei der Digitalisierung wirken sich hierzulande vor allem die hohen Steuern und Abgaben negativ auf die Attraktivität aus. Hinzu kommt, dass viele Akademiker aus dem Ausland unterhalb ihrer Qualifikation beschäftigt werden. Das führe mit dazu, dass jedes Jahr ein nicht unerheblicher Teil der Zugewanderten Deutschland wieder verlasse, sagte die Chefin der Bundesagentur für Arbeit (BA), Andrea Nahles, jüngst bei einer Veranstaltung des Arbeitgeberverbands BDA.
Andere Länder sind auch deutlich weiter, was die Einbürgerung von Zuwanderern angeht. Hier könnte die von der Bundesregierung geplante doppelte Staatsbürgerschaft Deutschland im Ranking wieder etwas nach vorn bringen. Verbreitete Fremdenfeindlichkeit trägt auch nicht gerade zu einer gelungenen Willkommenskultur bei.
Unternehmer: Deutschland knüpft Visa als eines der wenigen Länder an ein Mindestkapital
Für ausländische Unternehmer ist der Standort Deutschland kaum attraktiver als für Fachkräfte mit Hochschulabschluss – hier schafft es die Bundesrepublik nur auf Rang 13. Gegenüber dem Jahr 2019 ist sie damit um sieben Plätze abgerutscht. Während Länder wie Großbritannien ihre Visumpolitik verbessert haben, knüpft Deutschland als eines der wenigen Länder in Europa Visa für Unternehmerinnen und Unternehmer an ein Mindestkapital.
Akademisch gebildete Einwanderer werden in Deutschland zu häufig unterhalb ihrer Qualifikation eingesetzt.
Zusätzlich hemmen laut OECD hierzulande ein vergleichsweise strenger Kündigungsschutz, regulatorische Hindernisse oder der langsame Ausbau des Glasfasernetzes die unternehmerische Aktivität. Ein deutlich besseres Umfeld bieten die Länder aus der Spitzengruppe – Schweden, die Schweiz, Kanada, Norwegen und Neuseeland.
Gründerinnen und Gründer: Ein eigenes Start-up-Visum bietet die Bundesrepublik nicht an
Auch bei den Standortbedingungen für Gründerinnen und Gründer von Start-ups, die zum ersten Mal untersucht wurden, kann Deutschland mit anderen Industrienationen nicht mithalten. Hier liegen Kanada, die USA, Frankreich, Großbritannien und Irland vorn.
Größtes Manko ist, dass Deutschland im Gegensatz zu vielen anderen Ländern kein eigenes Start-up-Visum anbietet. Außerdem wird hierzulande eine Mindestsumme verlangt, die Gründer investieren müssen. Das mindert die Standortqualität ebenso wie ein vergleichsweise geringes Angebot von Co-Working-Spaces oder hohe Hürden der Regulierung.
Studierende: Niedrige Studiengebühren und gute Jobmöglichkeiten steigern die Attraktivität Deutschlands
Einzig bei der Attraktivität für ausländische Studierende ist Deutschland – vor allem dank vergleichsweise niedriger Studiengebühren – ganz vorn mit dabei. Hier belegt die Bundesrepublik den zweiten Rang hinter den USA – vor Großbritannien, Norwegen und Australien. Dabei zahlen sich beispielsweise das wachsende Angebot von englischsprachigen Studiengängen, die Möglichkeiten, neben dem Studium zu arbeiten oder die guten Bleibeperspektiven nach dem Hochschulabschluss aus.
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Der internationale Vergleich zeige deutlich, „was Deutschland tun muss, um die für unser Land so wichtige Fachkräftemigration noch besser zu gestalten“, sagt der Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann-Stiftung, Ralph Heck.
Die von der Bundesregierung geplante Reform der Fachkräfteeinwanderung könne sich positiv auswirken, wenn flankierend auch Fortschritte bei der Anerkennung ausländischer Qualifikationen oder der Digitalisierung der Visaprozesse erreicht würden, konstatieren die OECD-Forscher Thomas Liebig und Helen Ewald.
„Diese wichtigen Schritte sollten den Anstoß geben, auch die übrigen Rahmenbedingungen zu verbessern und somit das große Potenzial, das Talente aus dem Ausland bieten, besser zu nutzen.“
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