Oct 5, 2022
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Präsidentschaftswahlen: Brasiliens Wirtschaft hofft auf den Linken Lula – und ein konservatives Parlament

Written by Alexander Busch


Luiz Inácio Lula da Silva

Der Ex-Präsident liegt nach der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen vorn – und ist der Favorit internationaler Investoren.



(Foto: Reuters)

Sao Paulo Als die Börsen und Finanzmärkte in Brasilien nach den Wahlen öffneten, machten sie erst mal einen großen Sprung nach oben: Der brasilianische Börsenindex legte um sechs Prozent zu. Vor allem die Aktien von Staatskonzernen erlebten unerwartete Kursgewinne.

Der Ölkonzern Petrobras und Banco do Brasil legten zu – und auch Unternehmen, die von Bundesstaaten kontrolliert werden, wie der Stromkonzern Cemig (plus elf Prozent) oder die Wasserversorger Sabesp (plus 17) und Copasa (plus 19).

Zwar gewann Ex-Präsident Luiz Inácio Lula da Silva die ersten Runde der Präsidentschaftswahlen mit Abstand. Doch die Differenz fiel mit fünf Prozentpunkten weit geringer aus als nach den Umfragen zunächst erwartet. Bei den gleichzeitig abgehaltenen allgemeinen Wahlen erlebte die Rechte um Präsident Jair Bolsonaro zudem einen landesweiten Erdrutschsieg im Kongress und in den Bundesstaaten. Diese Mischung scheint den Märkten zu gefallen.

Die Finanzmärkte reagierten positiv: So verlor der Dollar vier Prozent gegenüber dem Real, die stärkste Abwertung seit 2018. Die Risikoaufschläge auf brasilianische Anleihen fielen unter 300 Basispunkte. Das bedeutet: Investoren verlangen weniger als drei Prozent Zinsaufschlag (im Vergleich zu US-Anleihen), wenn sie brasilianische Bonds kaufen. Damit ist Brasilien der einzige Emerging Market, in dem die Staatsanleihen sich deutlich verbilligt haben.

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Mit anderen Worten: Anleger trauen der nächsten Regierung eher zu als bisher, eine vernünftige Politik für die Wirtschaft und den Staatshaushalt zu fahren. Investmentbanken wie JP Morgan erwarten, dass die gute Stimmung an den Finanzmärkten noch anhalten könnte.

Brasilien: Investoren hoffen auf Links-rechts-Mischung

Dafür gibt es mehrere Gründe. So ist Marcos Casarin von Oxford Economics der Meinung, „dass diese wahrscheinliche Kombination aus einem charismatischen, progressiven Führer Lula und einem konservativen Kongress für die Märkte nahezu ein Best-Case-Szenario darstellt“.

>> Lesen Sie auch: Zwischen Aufbruch und Abgrund – Brasilien stimmt auch über seine Zukunft ab

Die Investoren freut, dass Lula Brasiliens Isolation in der Welt beenden und das Land wieder salonfähig machen könnte – nach dem Rechtsaußen Bolsonaro, der sich mit Umweltzerstörungen im Amazonasgebiet, Beschimpfungen europäischer Politiker und seiner demonstrativen freundschaftlichen Verbundenheit mit Wladimir Putin im Westen weitgehend isoliert hat.

Lula könnte schnell die verstopften Finanzquellen im Ausland öffnen. Umwelthilfe, aber auch Kapital für Infrastrukturprojekte von Pensionsfonds und multilateralen Geldgebern wie Weltbank oder KfW könnten wieder viel problemloser nach Brasilien fließen. Auch müssten Konzerne sich nicht vor ihren Aktionären oder Kunden rechtfertigen, wenn sie in Brasilien investieren wollen.

Jair Bolsonaro

Der rechtsextreme Präsident hat Brasilien auf dem internationalen Parkett weitgehend isoliert.



(Foto: Reuters)

Andererseits aber hat Lula mit dem konservativen Kongress und vielen Bundesstaaten in der Hand von Bolsonaro-Vertrauten machtvolle Kontrolleure vorgesetzt bekommen: Er muss verhandeln, Koalitionen bilden und kann nicht einfach durchregieren.

Eine Revision der Arbeitsgesetzgebung oder der Privatisierung des staatlichen Stromkonzerns Eletrobrás, wie sie Lula in den letzten Monaten immer mal erwähnte, haben nun geringe Chancen. „Eine linke Regierung dürfte nicht so viele Freiheitsgrade haben und müsste wahrscheinlich die wirtschaftliche Agenda mäßigen“, heißt es bei JP Morgan.

Lula muss Zugeständnisse an die Wirtschaft machen

Lula hat also keinen Blankoscheck für seine Regierung bekommen, wie er ihn erhofft hatte mit einem Sieg im ersten Wahldurchgang. Nun wird er Zugeständnisse an die politische Mitte und die Wirtschaft machen müssen, um Stimmen zu gewinnen. Möglicherweise wird er ein Wirtschaftskabinett vorstellen, um bei den Unternehmern Vertrauen aufzubauen. Auch sein Wirtschaftsprogramm ist bisher reichlich vage.

Positiv stimmt die Investoren zudem, dass in Bundesstaaten wie São Paulo oder Minas Gerais die Bolsonaro-Anhänger in den Gouverneurssitzen weitere Privatisierungen oder Kapitalerhöhungen von bundesstaatlichen Unternehmen möglich machen könnten. Davon profitieren jetzt zahlreiche Aktien von Staatskonzernen.

Dennoch ist aus Sicht der Wirtschaft auch ein Worst-Case-Szenario näher gerückt. Das wäre – so Oxford Economics – ein Sieg Bolsonaros. „Bolsonaros gewachsene Unterstützung im Kongress könnte es ihm ermöglichen, Richter des Obersten Gerichtshofs zu entlassen, sodass er möglicherweise den Kongress auflösen und freie Wahlen aussetzen könnte, wenn er dies wollte“, fürchtet Casarin. In vier Wochen werden die Investoren klarer sehen, dann stimmen die Brasilianer final über ihren neuen Präsidenten ab.

Mehr: Friedlicher Machtwechsel nicht sicher – Brasilien fürchtet einen Putsch



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