Oct 20, 2022
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Türkei: Die nächste Zinssenkung: Erdogan verzerrt die Wirtschaft und produziert Blasen an den Märkten

Written by Ozan Demircan


Wechselstube in Istanbul

Die Landeswährung hat in den vergangenen Monaten massiv an Wert verloren.


(Foto: imago images/NurPhoto)

Istanbul Politik und Notenbank in der Türkei verzerren mit ihrer Geldpolitik immer mehr den wirtschaftlichen Rahmen im Land – und vergrößern damit die Risiken. So senkte die türkische Notenbank am Donnerstag den Leitzins im Land erneut, von 12 auf 10,5 Prozent. Das gab die TCMB am Nachmittag bekannt.

Als Grund nannten die Notenbanker die „schwächende Wirkung geopolitischer Risiken“ sowie „die Einschätzung, dass eine Rezession ein unvermeidlicher Risikofaktor“ sei, was auch in der Türkei zu einem wachsenden Problem für Unternehmen wird.

Die Auswirkungen der hohen globalen Inflation auf die Inflationserwartungen und die internationalen Finanzmärkte würden dabei genau beobachtet. In der Türkei lag die Inflation bereits vor Beginn der russischen Invasion in der Ukraine bei über 50 Prozent. Aktuell beträgt sie offiziell 83 Prozent, ein weltweiter Spitzenwert.

Die Zinssenkungen in der Türkei sind ein Ausreißer in einer Welt, in der die geldpolitischen Entscheidungsträger rund um den Globus die Kreditkosten als Reaktion auf die größten Inflationsschocks seit Jahrzehnten aggressiv erhöhen. Die türkische Wirtschaft steckt daher in einem großen Experiment.

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Die negativen Realzinsen führen zu einem Wachstum auf Pump, vor allem aber auch zu einem Problem: Millionen Anleger im Land wissen nicht mehr, wie sie ihr Geld lukrativ und sicher anlegen können. Jetzt warnen Experten allerdings vor Blasenbildung an den Märkten. Diese müssen weiter mit Geld vollgepumpt werden – sonst platzen sie.

Immobilien, Krypto, Börse – türkische Anleger pumpen Geld in viele Märkte

Die niedrigen Zinsen führen nämlich dazu, dass immer mehr Sparer in riskante Anlagen investieren. Riskant sind sogar die eigentlich sicheren Investments in Immobilien geworden: Die Verkäufe haben sich in den vergangenen zwei Jahren vervielfacht. Die Verkaufspreise für Bestandswohnungen in Istanbul haben sich im Jahr 2021 mehr als verdoppelt. Grundstückspreise auf dem Land sind seit 2020 bis zu zehnmal teurer geworden.

Doch jetzt kündigt sich, ähnlich wie in Deutschland, ein Ende des Immobilienbooms an. Zuletzt sind die Verkaufszahlen im September im Vergleich zum Vorjahr um 23 Prozent gesunken. Die Anfrage nach Hypothekenkrediten ging trotz Niedrigzinsen um 43 Prozent zurück.

Branchenkenner wie der türkische Wirtschaftsjournalist Seref Oguz machen dafür die hohen Preise verantwortlich. „Die Preisanstiege der vergangenen zwei Jahre waren so steil“, meint der Kolumnist der Wirtschaftszeitung „Dünya“, „dass es irgendwann zu Ende gehen musste.“

Markt in Istanbul

Die Inflation liegt bei 83 Prozent – ein weltweiter Spitzenwert.


(Foto: imago images/ZUMA Wire)

Auch im Kryptomarkt sind immer mehr Türkinnen und Türken investiert. In der Türkei entstand durch die hohe Inflation und die niedrigen Leitzinsen eine schiere Kryptoeuphorie, bei der auch Massenmedien täglich den Bitcoin-Kurs neben dem Kurs von Dollar und Gold abbildeten und selbst Restaurants und Autohändler die Bezahlung mit den Digitalmünzen akzeptierten.

Laut einer Umfrage von Statista vom vergangenen Jahr besitzt jeder fünfte türkische Internetnutzer Kryptowährungen oder handelt sogar mit diesen. Das ist weltweiter Rekord. In Spanien waren es nur zehn Prozent der Befragten, in den USA fünf Prozent, in Deutschland vier Prozent. Bis zu zwei Milliarden US-Dollar wurden in dem Land auf lokalen Plattformen wie Coinzo, Vebitcoin oder Thodex gehandelt – täglich.

Doch in der Landeswährung Lira gerechnet hat der Bitcoin seit Jahresbeginn rund die Hälfte des Werts verloren. Wenn man die Inflation im Land noch einrechnet, haben dadurch viele Menschen in der Türkei viel Geld verloren.

Vorfälle um einige geschlossene türkische Kryptoplattformen zeigen darüber hinaus, wie fragil Investments in Kryptowährungen sind. Dass es gerade ein Schwellenland wie die Türkei trifft, bringt eine weitere Wahrheit ans Tageslicht: Betroffen sind vor allem Anleger, für die Investments in Bitcoin und Co. kein Spielgeld sind, sondern manchmal der letzte Weg zur Vermögensbildung.

Das gilt allerdings nicht nur für Investments in Kryptowährungen, sondern auch für den regulären Börsenhandel. Auf der Suche nach Rendite haben türkische Anleger eine Börsenrally ausgelöst. Der Leitindex ISE100 ist binnen zwölf Monaten um mehr als 170 Prozent angestiegen.

Grafik

Weil Immobilien und Krypto als lukrative Anlagen allmählich wegfallen, prophezeien Beobachter eine neue Börsenrally, wenn die Leitzinsen weiter sinken sollten. In den kommenden Tagen berichten türkische Konzerne wie die Sabanci Holding, die Fluggesellschaft Turkish Airlines oder die Akbank über ihre Neunmonatsbilanzen. Viele Firmen haben die steigenden Preise an die Kunden weitergegeben und damit Umsätze und Gewinne vervielfacht.

„Dünya“-Kolumnist Oguz fürchtet, dass Anlegerinnen und Anleger im Land dazu animiert werden könnten, die nächste Rally auszulösen: „Weil man die Inflation nun mal nicht mit festverzinslichen Anlagen bekämpfen kann.“

Mehr: Warum an den Märkten Krisengefahr herrscht.



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Politik

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