Nov 11, 2022
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Energieversorgungskrise: „Stolpern in die nächsten Abhängigkeiten“: Industrie warnt vor Produktionsverlagerungen

Written by Klaus Stratmann


Anlage zur Ammoniakproduktion in Ludwigshafen

Die Herstellung der Basischemikalie ist fest in den Produktionsverbund integriert.


(Foto: BASF SE)

Berlin Wenn Deutschland mit hohem Energieaufwand hergestellte Produkte aus dem Ausland beziehen würde und die Produktion hierzulande entsprechend reduzierte, ließe sich eine Menge Erdgas einsparen. Die Industrie warnt allerdings davor, aus entsprechenden Berechnungen des Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) die falschen Schlüsse zu ziehen.

„Wir halten es für verantwortungslos, derart einfache und unfundierte Botschaften aus einer Studie herauszulesen“, sagte Wolfgang Große Entrup, Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI), dem Handelsblatt. „Vor dem Hintergrund einer so komplexen Thematik führt dies fahrlässig zu falschen Entscheidungen“, sagte er. Die durch Putin ausgelöste Energiekrise habe schonungslos offengelegt, wie fatal eine Abhängigkeit von Rohstoffen und Produkten sei. „Wir sollten aus diesen Fehlern schnellstmöglich lernen, anstatt wie Einfaltspinsel in die nächsten Abhängigkeiten zu stolpern“, warnte er.

Das IWH hatte am Donnerstag eine Analyse zu den Gaseinsparpotenzialen der Industrie veröffentlicht. Demnach könnte die deutsche Industrie 26 Prozent weniger Gas verbrauchen, wenn sie Produkte mit hoher Gasintensität, die sich leicht durch Importe substituieren ließen, überhaupt nicht mehr in Deutschland herstellt und durch Einfuhren ersetzt. Die dadurch entstehenden Umsatzverluste beliefen sich laut IWF auf lediglich drei Prozent.

Nach Angaben des IWH verursacht die Herstellung von 300 Produkten mit dem höchsten Gasverbrauch knapp 90 Prozent des gesamten Gasverbrauchs der Industrie. Laut IWH-Studie kommen die fünf Produkte mit dem höchsten Gasverbrauch pro Euro Umsatz aus der chemischen Grundstoffindustrie. Deren Herstellung in Deutschland dürfte aufgrund der gestiegenen Gaspreise international kaum mehr wettbewerbsfähig sein, hieß es.

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Die Forscher gingen bei ihren Berechnungen davon aus, dass steigende Gaspreise vor allem zu einer gedrosselten Produktion bei energieintensiven Produkten führen, die leicht durch – billigere – Importe ersetzt werden könnten.

Ausgelagerte Produktion könnte zu neuen Abhängigkeiten führen

Thilo Schaefer vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW) sieht die Berechnungen kritisch. „Das IWH lässt in seinen Betrachtungen die Bedeutung von Wertschöpfungsketten außen vor. Gerade an den Verbundstandorten der Chemieindustrie greifen die Produktionsprozesse ineinander“, sagte Schaefer.

So sei beispielsweise die Produktion von Ammoniak auf Basis von Erdgas Ausgangspunkt für Koppelprodukte wie CO2 oder AdBlue, erklärte Schafer. Würde nun Ammoniak importiert, müssten auch die Koppelprodukte eingeführt werden. „CO2 für die Nahrungsmittelproduktion ist jetzt schon knapp, ähnlich verhält es sich bei AdBlue“, warnte er.

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Das IWH befasse sich auch nicht mit der Frage, ob andernorts überhaupt die Produktionskapazitäten vorhanden seien. „Auch die Frage, ob die erforderlichen Logistikkapazitäten, etwa Tankschiffe, verfügbar sind, wird nicht gestellt“, sagte Schaefer. Er warnte, eine Auslagerung der Produktion könnte neue Abhängigkeiten entstehen lassen.

>> Lesen Sie hier: Gaspreisbremse für die Industrie wackelt – Bundesregierung arbeitet bereits an „Light“-Version

Nach Überzeugung von VCI-Mann Große Entrup sind viele Produkte nicht leicht ersetzbar. „Wir dürfen beim Ausverkauf unserer Industrie nicht tatenlos zusehen. Wie drastisch die Folgen sein können, sehen wir doch bereits. Wir haben Versorgungsengpässe bei wichtigen Grundstoffen“, sagte er.

Die Liste an fehlenden Grundstoffe sei „lang und wird täglich länger“. Diese Stoffe sind anders als die Ökonomen des Sachverständigenrats und des IWH suggerieren eben nicht kurzfristig substituierbar“, warnte Große Entrup. Langfristig werde Deutschland als Industriestandort zunehmend unattraktiv. „Es ist absurd anzunehmen, dass nach dem Abwandern der Chemie-, Stahl- und Metallindustrie unsere Volkswirtschaft ohne dramatische Wohlstandseinbußen ein Industrieland bleiben könnte“, sagte Große Entrup.

Schon jetzt würden bereits angekündigte Investitionen zurückgezogen. „Die Alarmsirenen schrillen laut und wir dürfen diesen Weckruf nicht verschlafen. Es kommt jetzt darauf an, deutliche Entscheidungen für den Standortort zu treffen und dem Abwärtstrend einen Riegel vorzuschieben.“

Mehr: Lanxess schränkt Investitionen in Deutschland ein



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